Lean – Renaissance einer Idee

Stand heute ist die Zukunft grün. Im Gegensatz zu früheren Zukunftsprognosen, deren Haltbarkeit eher überschaubar war, erweist sich diese Vorhersage als erstaunlich zählebig. Mehr noch: Längst werden in Brüssel Gesetze festgezurrt, die aus der Vision einer ökologisch korrekten Zukunft eine sich selbst erfüllende Prophezeiung machen werden. Dabei ist die Deutungshoheit, was „ökologisch korrekt“ bedeutet, längst geklärt. Beschlossen und verkündet, punktum.

Aus dem Umfeld der europäischen Machtzentrale ist zu hören, dass namentlich der deutschen Industrie Übles ins Haus steht. Was einer zu großen Teilen mittelständisch geprägten Wirtschaft ernste Sorgen bereitet. Als ob man in den Betrieben mit der Umsetzung der digitalen Transformation nicht schon genug zu tun hätte. Die gute Nachricht lautet, dass es durchaus gangbare Wege gibt, schrittweise grüner zu werden. Einer dieser Wege ist unter dem Schlagwort „Lean“ bekannt.

Das Konzept einer schlanken, verschwendungsarmen Produktion stammt ursprünglich aus Japan und ist in einem historischen Kontext entstanden, der heute meist ausgeblendet wird. Einer meiner Lehrer am Fraunhofer-Institut, durchaus bekannt für seine erzählerische Begabung, hat mir die kurze Geschichte von Lean in wenigen Worten so erklärt:

„Japan ist eine Insel mit relativ kleiner bewohn- und bebaubarer Fläche, einer schmalen Ressourcenbasis – aber einer stattlichen Zahl an Einwohnern. Was an zusätzlichen Territorien zeitweise dazukam, war nach der totalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg wieder weg. Um danach den Anschluss an die industrielle Entwicklung des Westens nicht nur halten, sondern diesen sogar überflügeln zu können, musste eine tragfähige Strategie her: Lean Management. Hohe Produktivität bei geringem Verbrauch setzt einen sparsamen – sprich: nachhaltigen – Umgang mit allen verfügbaren Ressourcen voraus. Verschwendung war verboten, ja, sie musste konsequent bekämpft und im Keim erstickt werden.“

Verschwendung beginnt mit Unordnung, Nachhaltigkeit mit Ordnung. Und mit Sauberkeit. Das hat nicht zuletzt mit der grundsätzlichen Bereitschaft des Menschen zu tun, in seiner direkten Lebens- und Arbeitsumgebung auf Reinlichkeit zu achten. Diese Einstellung war noch vor einigen Jahren auch hierzulande verbreitet, verliert jedoch ersichtlich an Bedeutung. Die Vermüllung der Straßenränder und des gesamten öffentlichen Raumes spricht hier eine deutliche Sprache. Die Sprache einer Wegwerfgesellschaft, in der Umweltschutz eine Art theoretisches Konstrukt ist, eine Forderung an Dritte, keine Selbstverpflichtung.

In Unternehmen beginnt „lean“ bekanntlich mit „clean“. Das gilt aus mentaler ebenso wie aus funktionaler Sicht. Wo Ordnung herrscht, lässt sich Verschwendung leichter erkennen und bekämpfen. Was rumliegt, muss weg. Man braucht die Definition der Verschwendungsarten im Lean Management nicht im Detail zu kennen, um den nächsten logischen Schritt zu erahnen: Wer weniger Material, Energie, Arbeitskraft usw. für seine Prozesse benötigt, wer diese Faktoren sowohl effizienter als auch effektiver einsetzt, tut damit seiner Bilanz einen Gefallen. Und der Umwelt.

Womit der Bogen zu „green“ geschlagen ist. Wir werden zukünftig in einer Welt leben, in der die Begrenztheit natürlicher Ressourcen wie Rohstoffen und Energie augenfällig und handlungsleitend sein wird. Das gilt unabhängig von den Ursachen der Verknappung. Und es gilt für den Umgang mit Verschwendung: Sie muss vermieden werden. Um jeden Preis.

Allein deshalb gehört Lean wieder auf die Tagesordnung der Unternehmen. Und „clean“ in die Köpfe der Menschen.

Zukunft beginnt nicht heute, sie hat schon gestern begonnen.

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