„Mit den fahrenden Schiffen“

Trost- und Ziellosigkeit ist, was Georg Heym in seinem gleichnamigen Gedicht beschreibt.

Heute geht es bei fahrenden Schiffen meist um Luxuskreuzfahrten. Oder um die weltweiten Lieferketten und Logistik-Netzwerke, die uns und unsere Industrie mit Rohstoffen und Material versorgen. Müsste man schreiben: versorgten? Denn die globalen Warenströme versiegen zumindest temporär immer häufiger. Was die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Sourcing-Strategien aufwirft, die offenbar nur funktionieren, wenn alle Wasserstraßen offen sind und alle Best-Cost-Standorte störungsfrei laufen. Ist das aufgrund von Havarien, Pandemien oder Kriegen nicht der Fall, reißen die Ketten, fehlen Waren und Teile, stehen in Europa die Fabriken still. Die Regale bleiben leer.

Nun lässt das geflügelte Kanzlerwort von der „Zeitenwende“ ahnen, dass die Karten neu gemischt werden. Die Land- und Seekarten vor allem. Mit Staus und Umleitungen ist selbst im besten Fall künftig immer zu rechnen. Heißt: Beschaffungs- und Logistikstrategien müssen neu ausgerichtet werden.

Im vorhergehenden Blogbeitrag haben wir uns mit dem Thema Verschwendung beschäftigt. Ökonomisch betrachtet ist Verschwendung immer relativ. Just-in-Time-Belieferung galt lange Zeit als verschwendungsarm, Vorräte als eine Ausgeburt von Verschwendung. Wenn jedoch Produktionslinien stehen, weil die schlanke Supply Chain aus genannten Gründen nicht funktioniert, sind gefüllte Läger ein Segen. Fehlende Teile verursachen mehr Verschwendung als das eine oder andere Lagerteil zu viel. Man sollte das rechnen und auf Basis eines belastbaren Modells entscheiden können, was wann wirtschaftlich ist – und was Verschwendung. Nur: Es wird gar nicht gerechnet, weil die alten Reflexe noch immer greifen, die alten mentalen Modelle gültig geblieben sind. Und die besagen, dass Produktion gut ist, wenn die Faktorkosten niedrig sind, dass Just-in-Time-Logistik effizient und Bevorratung Verschwendung ist, siehe oben. Nicht selten steigen hierzulande Helikopter auf, um einzelne Teile an die Montagebänder der Automobilwerke zu liefern, damit diese nicht zum Stillstand kommen. Die Kosten werden aus der Rechnung entfernt. Eigentlich ganz einfach.

Ein Weltbild von erstaunlicher Logik. Und von ergreifender Schlichtheit. Denn es hängt natürlich von den herrschenden Bedingungen ab, was effizient ist und was nicht. Sich aus einem vollen Regal bedienen zu können, ist aus Sicht des Verbrauchers (Mensch oder Fabrik) allemal effizienter, als in ein leeres Regal zu greifen. Und zur Nachversorgung die gesamte Supply Chain anwerfen zu müssen.

Wir haben nach der Lehman-Krise gesehen, wie schwer sich Lieferkanäle wieder befüllen lassen, wenn sie einmal leergelaufen sind. Gelernt haben wir daraus nicht. Ein LOG_X-Autor hat damals das Bonmot geprägt, dass erst die Bergwerke wieder angeworfen werden müssen, um die Liefer-Pipelines der Industrie allmählich wieder zu füllen.

Die Lehman-Krise wurde überwunden, die Lerninhalte verdrängt. Alle Akteure fielen zurück in alte Muster: Just-in-Time ist gut, Lagerhaltung ist böse. Das Mantra der Supply-Chain-Experten. Om mani padme hum. Nur: So einfach war die Welt nie und sie wird es in Zukunft noch weniger sein.

Wir müssen lernen, umzudenken. Und wir müssen lernen, zu lernen. Sonst könnte die Zukunft trostlos sein. Wie im Gedicht mit den fahrenden Schiffen:

Ferner kamen wir immer
Und tanzten im insligen Meer,
Weit ging die Flut uns vorbei,
Und Himmel war schallend und leer.

(Georg Heym)

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