Auch verdeckte Pfade führen zum Ziel

Heiko Gsell ist ein freundlicher Mann. Prof. Dr.-Ing. Heiko Gsell, um genau zu sein. Er hat die Aareon-Stiftungsprofessur für Wirtschaftsinformatik an der EBZ Business School in Bochum inne. Hier beschäftigt er sich mit modernster Informations- und Datentechnologie in der Immobilienwirtschaft. Was lange Zeit nicht absehbar war.

Ich kenne Heiko Gsell als jungen Maschinenbau-Ingenieur aus gemeinsamen Forschungsprojekten im Umfeld wandlungsfähiger Produktions- und Organisationsstrukturen in der Industrie. Mein Verlag hat dazu gleich mehrere Bücher publiziert und Heiko Gsell hat ein zentrales Projekt geleitet und moderiert, in dem es um die dauerhafte Wandlungsfähigkeit von Unternehmen ging. Kein leichtes Unterfangen, waren an diesem Projekt doch Forscher verschiedener Disziplinen und Unternehmen unterschiedlicher Branchen beteiligt. Die Ansichten und Interessen der Beteiligten waren nicht ganz einfach unter einen gemeinsamen Hut zu bringen. So wenig wie die Inhalte, aber das ist eine andere Geschichte.

An Vielfalt herrschte in diesem Projekt kein Mangel. Allein der mittlerweile leider verstorbene Industrie-Soziologe Volker Volkholz lässt sich in der Rückschau als ein Mensch mit sehr dezidierten und gleichermaßen fundierten Einsichten beschreiben, der diese Einsichten deutlichst und auf unnachahmliche Weise zum Ausdruck brachte. Er hatte die Eigenart, die meiste Zeit der Forschungstreffen vermeintlich schlafend zu verbringen, plötzlich zu erwachen und langatmige Stellungnahmen abzugeben, denen Nicht-Soziologen nur schwer folgen konnten. Um nicht falsch verstanden zu werden: Seine Einlassungen hatten Hand und Fuß – ich habe ein sehr schönes Büchlein über die Einzigartigkeit von Unternehmen mit ihm gemacht.

Dies also war der berufliche Start des Heiko Gsell, den er als Mitarbeiter der „International Management und Innovation Group (IMIG)“, einer aus dem Fraunhofer-Umfeld hervorgegangenen Beratungsgesellschaft, in Angriff nahm. Dass die folgenden Schritte seiner Laufbahn direkt oder geradlinig waren, erschließt sich dem Beobachter erst auf den zweiten Blick. Frühestens, und wenn man den roten Faden erkennt, den es tatsächlich gibt.

Der vorliegende Text ist eine Portraitskizze und keine Biographie, weshalb Verkürzungen und Auslassungen gestattet seien: Verbundforschung – Engineering – Beratung – Schiffbau – Flugzeugbau – wieder Beratung – Wirtschaftsinformatik – Wohnungswirtschaft – so ungefähr jedenfalls. Das waren die beruflichen Stationen im Überblick. Doch zoomen wir etwas näher hinein in die Laufbahn des Heiko Gsell.

Über mehrere Zwischenstationen führte der Weg des gebürtigen Bremerhaveners vom Start- und Studienort Stuttgart zurück nach Bremen und an die dortige Universität. Hier warteten spannende Themen aus dem maritimen Umfeld. Die Rede ist vom Schiffbau und der Herausforderung, die damit verbundenen komplexen Aufgaben in passenden Datenmodellen und Plattformtechnologien abzubilden. So begann die intensive Beschäftigung mit IT-basierten Entwicklungsplattformen, die später zur Dissertation und zum Doktortitel führte. Die Arbeit ist im LOG_X Verlag erschienen– aber das nur am Rande.

Eine weitere wichtige Station war das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST). Hier ergab sich die Chance, das Thema Cloud-Computing zu bespielen und damit weitere Kompetenzen in einem Zukunftsfeld aufzubauen. Gleichzeitig erweiterte sich der Anwendungs-Fokus auf nicht-produktionsnahe Prozesse, Bereiche und Branchen. Von der Buchhaltung zum ERP – so könnte man diesen Part beschreiben.

Forschung, Lehre, Innovation und Transformation. Seit über zehn Jahren prägen diese Schlagworte den Weg Heiko Gsells – der schlussendlich in eine völlig neue Richtung führte, vermeintlich. Lapidar gesagt basiert nämlich auch die Immobilienwirtschaft auf einer zeitgemäßen Wirtschaftsinformatik. Geschäftsprozesse, Geschäftsmodelle, Lebenszyklen: Das „immobile“ Ökosystem ist ohne modernste IT, ohne KI und Konsorten, nicht mehr denkbar.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Nun: Erstens habe ich Heiko Gsell nach langen Jahren wieder getroffen. Zweitens ist er ein dankbarer Partner für Fach- und andere Gespräche. Drittens hatte ich seinen Weg nicht wirklich verstanden, wurde aber aufgeklärt. Wir sind geprägt von der Vorstellung, die Stationen von Schule, Studium und Beruf müssten sich aneinanderreihen wie Perlen an einer Schnur. Wir denken in Schablonen, die für uns sichtbar sind und übersehen dabei, was im Hintergrund passiert. In der Tiefe konstituieren sich Zusammenhänge, die wir nicht sehen, die aber logisch und zwingend sind. Das ist der Punkt, um den es mir geht.

Eine dieser Schablonen suggeriert uns, dass eine Musterkarriere innerhalb einer Branche, oder zumindest in benachbarten Branchen verläuft. Der Weg von der Produktionsforschung in die Wohnungswirtschaft ist uns unverständlich und damit suspekt. Mir zumindest, das gebe ich zu. Das Bindeglied aber heißt IT. Die Kenntnis informationstechnologischer Zusammenhänge – wie man diese gestaltet und lehrt – stellt heute eine Art Meta-Ebene dar, die auch (und vor allem) langfristig wirkt. Entsprechend sollten wir uns lösen von den oberflächlichen Bildern, die unser Urteil prägen. Den roten Faden suchen, der im Verborgenen liegt.

Wir müssen lernen, zu entlernen und neu zu sehen.

Insofern ist der berufliche Weg von Prof. Dr.-Ing. Heiko Gsell stringent und konsequent, geprägt durch die Entwicklung der Informationstechnologie. Die kümmert sich nämlich nicht um Branchen, sondern sucht nach Anwendungen. Und nach Lösungen.

Dem Künstler Friedensreich Hundertwasser wird der Satz zugeschrieben, gerade Linien seien böse. Das mag stimmen oder nicht. Übertragen auf den Karrierepfad des Heiko Gsell würde ich es so formulieren: Nicht immer ist der vermeintlich gerade Weg der beste. Am Ende zählt das Resultat.

Und das kann sich sehen lassen.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top