Alter Mann auf der Brücke

Über meinem heimischen Schreibtisch hängen Portraits von Schriftstellern mit Zitaten aus ihren Werken. Hermann Hesse ist nicht dabei. Die meisten seiner Bücher sagen mir nichts, wirken wie aus der Zeit gefallen. Stecken geblieben in der Romantik, die Moderne trotz vieler Mühen nicht erreicht. Statt Klarheit leichtes Geschwurbel. Wie beim Glasperlenspiel, das so mühsam nach Bedeutung strebt, dass es fast schmerzt. Oder beim Steppenwolf, der ein Steppendeckenwolf ist und in einer möblierten Zweizimmerwohnung spielt, mit Sofakissen aus Samt und Knick in der Mitte.

Besonders sympathisch war Hesse übrigens nicht. Seine erste Frau hat er verlassen, als sie krank wurde, seine Kinder weggegeben. Um den großen Künstler und Nackedei zu spielen in einer frühen Hippiekommune am Südrand der Alpen. So kam er ins Tessin.

Und doch bleibt er ein Faszinosum, biographisch und als Dichter. Das nämlich ist er vor allen Dingen. Es gibt Gedichte von Hesse, die zum Besten des Genres gehören. Erzählungen auch, manche zumindest, die nämlich, die in der Romantik bleiben und nicht nach Moderne streben. Aus der Zeit gefallen, aber gut.

Auch biographisch hat der Schwabe seine guten Seiten. Zu Ninon, seiner dritten Frau, hat er zumindest gehalten. Ob aus eigenem Antrieb oder aus Furcht vor dem Alter, bleibe dahingestellt. Und er hatte Freunde, ein Leben lang. Manche so angetan, dass sie Mäzene des Dichters wurden. Ihm ein Haus in bester Tessiner Lage spendierten, nicht geschenkt, aber mit Wohnrecht auf Lebenszeit. Das ist doch was.

Überhaupt das Tessin, Montagnola. Da hat er Jahrzehnte verbracht und man kann ihn heute noch fühlen. Und ahnt, was er gemeint hat in seinem Werk. Man kann den Fortschritt nicht stoppen, das Alte nicht halten. Bedauern liegt in der Luft und Verfall – am Luganer See und in den Schriften von Hermann Hesse.

Die Ebene zwischen den umgebenden Hügeln: Ein Desaster aus Asphalt und Beton, wo früher nur Felder waren. Die Collina d’Oro: Heute Villenressort von Lugano und ein Dorado der Superreichen, die ihr Geld nichts weniger als ehrlich verdient zu haben scheinen. Koofmichs, Banker und ihre Frauen. Von Arbeit wird man nicht so schrecklich reich. Vom Zinseszins schwärzester Gelder schon eher. Geld, so schwarz wie die Geländewagen aus Stuttgarter Produktion, die durch die Gassen der Dörfer gleiten.

Und mittendrin der Geist von Hesse. Spürbar auf Pfaden im Wald und stillen Plätzen mit Blick auf den See. Ja, es ist schön hier, noch immer. Geld weiß das und sucht diese Orte, verändert sie. Man sieht die immer gleichen Gesichter, Gefährte, Klamotten, teuer und uniform, verwahrlost und elegant.

Ist es das, was Hesse eigentlich meint? Dem Zwang widerstehen, modern zu sein um jeden Preis, zumindest um den der Idylle. Sich den Gesetzen des Marktes entziehen, dem Geld, dem Konsum, den Maschinen. Wenn das überhaupt geht. Auch Hesse war Nutznießer des Reichtums anderer Leute, dem eigenen Wohlstand nicht abgeneigt.

Die Wanderungen im Leinengewand, die Feuer im eigenen Garten, der Strohhut mit breiter Krempe. Waren das mehr als Posen? Denn Posing hat er beherrscht, immer im richtigen Licht. Zum Glück, sonst hätten wir keine Bilder von ihm als Wanderer, Gärtner und Bonvivant. Sie sind es wert, gesehen zu werden.

Was bleibt, ist der Mann auf der Brücke – im doppelten Sinn. Als Plastik über der Nagold in Calw und zaudernd auf dem Weg in eine Moderne, die er zumindest nicht offen begrüßt.

Das ist, was ich an Leben und Werk des Hermann Hesse verstehe.

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